Karate Dojo Kitai Dieblich e.V.

Reisetagebuch2008

 

Tagebuch einer Japanreise 2008

von Jörg Renfordt

 

Ich schreibe diesen Reisebericht

 

- für meine Familie - besonders für meine Frau Petra, die mir diese Reise ermöglicht hat.

 

- für Andreas-Sensei, dem ich mit diesem Bericht meine Dankbarkeit und meinen Respekt bezeugen möchte.

 

- weil diese Reise eine einschneidende Erfahrung in meinem Leben war und ich die überwältigende Masse an Eindrücken und Erinnerungen richtig fixieren will. Jeder kennt die Erfahrung, dass die Zeit in kreativer Zusammenarbeit mit dem Gedächtnis die Erinnerungen nach individuellem Gefallen verändert. Die Möglichkeit möchte ich beiden nicht geben.

 

 

Der  Anfang

Gegen Ende des Jahres 2004 begann ich, mit Volker regelmäßig UechiRyu zu trainieren. Dessen beherzte Entschlossenheit und Mühe mein ganz besonderer Dank gilt, er war der Grundstein für alles Gute was ich durch UechiRyu erfahre und erlebe. Monate später hat mich Andreas-Sensei eingeladen, mittwochs an seinem UechiRyu-Training teilzunehmen, über diese Einladung hatte ich mich sehr gefreut.

Im Mittwochstraining war die nächste Okinawareise ein ständiges Thema. Dann, irgendwann im Sommer 2006, verkündete Andreas, dass die nächste Japanreise im Oktober 2007 stattfinden sollte. Zehn Tage Training auf Okinawa und einige wenige Tage Sightseeing auf dem Festland. Nun zählte Andreas alle auf, die eingeladen waren, mitzukommen. Als letztes sprach er mich an. Ich hörte gar nicht richtig zu, da ich mir sicher war, in überlegten Worten erklärt zu bekommen, wieso es bei mir nicht soweit wäre. Ich hörte nur seinen letzten Satz "... da Toyama auch nicht mehr der Jüngste ist, sollst du die Möglichkeit haben, dies alles zu erleben und mitkommen. Es wird deiner Entwicklung im Karate-Do gut tun ....". Wow! Da war dann kein Freudenschrei, sondern nur eine Leere, große Unbeschreiblichkeit.

Wir waren letztlich vier euphorische uechi-begeisterte: Andreas, Dag, Dominik und meinereiner, die dem Abreisetag entgegenfieberten.

Viele ungeduldige Monate später saß ich nun zusammen mit Andreas und Dag im IC nach Frankfurt. Es war der 02.01.2008, zwischen 17:00 und 18:00 Uhr. Die Reise hatten wir auf Januar 2008 verschoben.

Okinawa, Seizan, Uechi traditionell trainieren, Sushi - alle die Worte und geistigen Bilder der letzten Monate sollten jetzt greifbar und real werden - in ca. 17 Stunden war unsere Ankunft auf Okinawa geplant. Ich freute mich darauf, in eine andere Kultur einzutauchen und ganz neue Eindrücke zu erleben und viele Zeit meinem Karate-Do zu widmen.

In Mainz stiegen wir um und waren kurze Zeit später am Frankfurter Flughafen. Kurz drauf traf auch Dominik ein. Nach dem Einchecken ging es ins Gate. In der abendlichen Flughafenbeleuchtung konnten wir die Boeing 747 sehen: die nächsten 9-10 Stunden in der fliegenden Salami.

Andreas begann uns hier schon mit seiner Videocam zu quälen.

Dann war es soweit - das Boarding: wir saßen in einer Mittelreihe. Meinem breitem Kreuz sei Dank, hatte ich wenigstens einen Außenplatz bekommen. Die Maschine war total ausgebucht. Keine Chance auf eine üppiges Platzangebot. Die Turbinen heulten auf, es war 20:45 Uhr, und wir starteten in den dunklen Abendhimmel. Mit 45 Minuten Verspätung strebte unsere Salami mit knapp 900 km/h auf die Reisehöhe von etwa 10.000 m. Die Flugroute ging über die Ostsee, Skandinavien, an St. Petersburg vorbei über Russland, entlang der sibirischen Küste, über die Mongolei bis nach Tokio.

Was soll's, was sind einige Stunden Flug für einen erfüllten Traum? So gut es ging, hatten wir es uns "gemütlich" gemacht. Zur Narkose gequälter Gliedmaßen tranken wir das kühle japanische Bier. Nach jeder Menge Blödelei, bestem Flugzeugdinner, einigen Filmen startete ich den Versuch zu schlafen. Die Füße verstaute ich recht bequem unter dem Vordersitz, meine rechte Schulter streckte ich ein wenig in den Gang. Leider konnte die niedliche Stewardess meine Schulter in der abgedunkelten Maschine nicht erkennen. So wurde ich unsanft aus meinen Träumen geweckt. Ansonsten verlief der Flug ruhig, keine Turbulenzen, dafür aber Bürokram für die japanische Sicherheit. Wir mussten viele Informationen preisgeben, um japanische Sicherheitsbeamte und andere Staatsdiener nicht aus ihrem Behördenschlaf zu wecken.

Die Landung in Tokio verlief sanft und wir waren in Japan - unfassbar! Die anfängliche Verspätung konnte der Pilot nicht mehr aufholen. Die geplante Ankunft um 15:55 Uhr japanischer Zeit verschob sich um eine knappe Stunde. Ich konnte mich nicht erinnern, je einen so sauberen großen Flughafen gesehen zu haben. Es herrschte eine auffallend entspannte Atmosphäre. Angenehm war, dass man nicht lange orientierungslos durch anonyme Hallen geisterte, sondern ein Officer uns freundlich weiterleitete. Der Überwachungswahn hat auch in Japan Einzug gehalten. Wir mussten uns fotografieren lassen und ein Fingerabdruck wurde gescannt. Auffällig, wieder ein freundlicher Beamter.

Nun konnten wir unser Gepäck in Empfang nehmen und es für den zweiten Flug nach Okinawa einchecken. Um 17:45 Uhr sollten wir wieder in der Luft auf dem Flug nach Okinawa sein. Durch die Stunde Verspätung waren wir etwas zur Eile genötigt. Gut das unser Gepäck kurze Zeit später schon abholbereit war.

Nun ging es zügig zum Einchecken für den Inlandsflug. Wieder mussten wir einem Officer erklären, was wir in Japan wollten und wie lange wir im Land bleiben würden.

Man merkte, dass auf Okinawa viele Amerikaner stationiert waren - im Gate C  warteten mit uns hauptsächlich US-Bürger auf das Boarding.

Hier dann auch die erste öffentliche japanische Toilette: kein nerviges Putzpersonal und doch eine hochreine Keramik - Kaffee kochen konnte sie zwar nicht. Dafür waren diverse Spül- und Trockenprogramme inklusive beheizter Brille installiert. Die Anleitung mit japanischen Schriftzeichen schreckte mich vor einer Erprobung ab.

Nach einer kurzen Wartezeit ging es im saubersten Bus meines Lebens  und weiß behandschuhten Fahrer über die Rollfelder zum Flugzeug. Pünktlich um 18:30 Uhr hob die Boeing 767-300 ab. Nach fast weiteren drei Stunden Flug und geschätzten 2 Litern Fruchtsäften im Bauch, zu Essen gabs leider nichts, waren wir auf Okinawa gelandet - Ziel erreicht. Wieder irre Sauberkeit und Ruhe, sofort fielen auch die wunderschönen Orchideeenarrangements auf, die unseren Weg säumten.

Die Kontrollen waren jetzt nicht mehr so zeitintensiv, schnell ging es zur Gepäckausgabe. Dort sah ich durch die Glastür erstmals Seizan live. Das Gepäck kam schnell, ein Angestellter positionierte die Gepäckstücke ordentlich auf dem Gepäckband. Unsere Gis hatten Okinawa samt uns schadfrei erreicht. Das Training konnte beginnen.

Eine kurze Begrüßung mit Seizan - mehr ein Gestammel in ungeübtem Englisch, dann ging es zum Auto. Eine angenehme, sommerliche Brise und der Anblick von Palmen empfing uns außerhalb des Flughafengebäudes. Nach dem ungemütlichen Wetter in Europa war der warme subtropische Winter die erste Energiespritze in geplagte westeuropäische Seelen. Als nächstes bemerkte ich die besonders kompakten Autos auf dem Flughafenparkplatz. Als ich uns und unsere vollgepackten Backpacks betrachtete, überfiel mich eine leichte Panik, was unsere letzte Etappe betraf. Gott sei Dank war Seizans Auto ein geräumiger Sechssitzer.

Seizan berichtete uns während der Fahrt viel über Uechi und die Entwicklungen in den Stilrichtungen auf Okinawa. Seine Erzählweise war sehr unterhaltsam und das Englisch gut zu verstehen. Da er aber nicht sonderlich laut sprach, war es anstrengend, ihm zuzuhören. Was ich zu meiner vollen Freude kapierte , es gab noch was zu essen: Uchi - ein einfaches, traditionelles Reisgericht - ja, immer her mit gesunder und guter Kost.

Zu allem Überfluss schien er die Lüftungsanlage und/oder Klimaanlage im Auto nicht zu nutzen - es war unangenehm warm. Bei jeder roten Ampel wurden die Fenster zur Erfrischung runtergekurbelt. Die Fahrt zog sich schier ewig hin, irgendwann resignierte ich und schaltete ab.

Doch genau jetzt kam es knüppeldick: Seizan lenkte seine Aufmerksamkeit auf mich. Seizan meinte, ich wäre so ruhig, eigentlich zu ruhig. Andreas sollte mal was dagegen tun. Nun ging's los: Was mir an Karate gefiele und wieso ich speziell UechiRyu machen wolle? Ich zitierte meine E-Mails an ihn, da ich in diesen diese Fragen bereits erörtert hatte. Zu meinem Glück war das Verhör nach einigen Minuten vorbei und Seizan kommentierte meine Antworten sehr langatmig. Als mir danach keine Ideen mehr kamen, fragte ich aus Höflichkeit, ob er noch Fragen an mich habe. Ich bekam die trockene Antwort, wenn er noch etwas wissen wolle, würde ich etwas Extradruck im Training bekommen. Dann erhielte er schon alle Antworten, die er noch bräuchte.

Seizan sorgte dann auch für meinen nächsten Adrenalinkick: Am nächsten Montag sollte es erstmalig zu Toyama-Sensei gehen. Die stille Begeisterung der anderen konnte ich nicht teilen, etwas mehr Eingewöhnung hätte ich mir schon gewünscht. Nach endlosen Kilometern fuhren wir endlich in Naghama ein.

Raus aus dem Auto, es roch nach Meer. Eine angenehm warme Nacht und leises Meeresrauschen. Seizan führte uns runter ins Dojo. Nicht vergessen: Schuhe ausziehen, bevor man das Haus betritt. Fast schon unbedacht setzte ich meinen Fuß das erste Mal in einen traditionellen Übungsraum auf Okinawa. Jetzt war ich in dem Raum, den ich bisher nur von Fotos kannte. Ein Raum fast nur für Karate Do. Keine anonyme Sporthalle, ein Raum eingerichtet mit Erinnerungen vieler Jahre der Bemühung und Wegpunkten wie Bildern, Urkunden und Gastgeschenken. In den nächsten Tagen war genug Zeit, sich alles genau anzuschauen.

Mir gefiel der mittelbraune Holzboden. Zur Seeseite dominierte eine große Fensterfront, mit großen Glasschiebetüren. Auf der Shomenseite gab es eine Spiegelwand und Trainingsgeräte. Gegenüber war der Tatamiraum mit Holzschiebetüren, geschmückt mit einem klassischen Reihermotiv. In diesem deponierten wir unsere Habseligkeiten. Seizans Frau Sumako kam auch ins Dojo, um uns freudig und freundlich zu begrüßen. Wir nutzten die Gelegenheit und überreichten unsere Gastgeschenke. Danach ging es zum Essen. Schuhe an und rüber in die Küche und Lounge. Das Essen war wirklich einfach, aber sehr lecker und bekömmlich.

Nach Mitternacht Ortszeit ging es endlich ins Bett. Schön satt, aufgekratzt und doch erschöpft, den Kopf voller ungeordneter Eindrücke.

Unsere Betten für die nächsten Nächte waren im Wandschrank des Tatamiraums. In dem Schrank lagerte Bettzeug inklusive Bodenmatten. Man griff sich, was man brauchte, legte es auf den schönen Holzboden und betete, dass man sich an die harte "Matratze" gewöhnte und der Rücken keine Revolte startete - gute Nacht!

 

04. Januar, Freitag - Tag 1

Ein schöner Sonnenaufgang begrüßte uns am ersten Morgen, die befürchteten Nacken- und Rückenschmerzen blieben bei mir aus. Trotz der langen Anreise war ich schon gegen sechs Uhr wach, und ich genoss den Sonnenaufgang. Am meisten freute ich mich jetzt, alles bei Tageslicht sehen zu können. Und egal was auf dem Trainingsprogramm stand, ich wollte runter ans Meer.

Nachdem wir unser Bettzeug verstaut hatten, hatte ich mich von dem Farbenspiel des Pazifiks faszinieren lassen, die tolle Aussicht konnte man den ganzen Tag von Dojo aus genießen.

Nach einem üppigen und relaxten Frühstück ging es gegen 8:30 Uhr zur ersten Trainingseinheit. Es lief überhaupt nicht so relaxt wie erwartet. Auf eine Pause verzichtete ich, stattdessen nutzte ich die Gelegenheit, alleine im Dojo zu trainieren und alles in Ruhe auf mich wirken zu lassen. Das tat gut, denn so langsam erreicht ich meine gewünschte Trainingsform.

Um 10:00 Uhr beendeten wir unsere erste Trainingseinheit und machten einen Ausflug runter in die Ortschaft und ans Meer. Die Sonne schien und wir hatten weit über 20 Grad, mitten im Januar, ein geiles Gefühl. In T-Shirt und kurzer Hose, bewaffnet mit Kamera und Übermut ging es in das okinawische Landleben. Der gepriesene japanische Sauberkeits- und Ordnungssinn hatte den Sprung vom Festland nach Okinawa bis dato noch nicht geschafft. Öffentliche Müllkörbe waren rar. Scheint man hier auch nicht zu brauchen, es wurde einfach alles in die Walachei geworfen. Leider wurde der Strand von dieser Handlungsweise nicht ausgenommen. Es ist wirklich schade, er hatte richtig Potential zu einem schönen beschaulichen Stück Küste. Wir nahmen alles, so wie es war, freuten uns darüber hier zu sein. Herrlich die Seeluft, die Ruhe und diese Wärme auf der Haut. Nachdem wir etwas Zeit am Strand verbracht hatten, gingen wir in den örtlichen Laden, um Getränke zu kaufen. Ein richtiger Tante-Emma-Laden auf Okinawa. Hier gab es alles für den ersten Bedarf. Wir wurden wieder sehr freundlich begrüßt. Als Nichtasiaten erregten wir natürlich die Aufmerksamkeit und wurden in ein Gespräch verwickelt. Als sich klärte, dass wir keine Amis waren, sondern Deutsche und bei Seizan Karate trainierten, stieg das Interesse der älteren Dame noch mehr. Wir deckten unseren Bedarf an Getränken und Süßspeisen und marschierten zurück zum Dojo.

Gegen Mittag bereiteten wir uns ein zweites Frühstück mit einem guten Kaffee. Gestärkt gingen wir zur zweiten Trainingseinheit über. Der Ausflug tat gut den es funktionierte jetzt besser.

Am frühen Abend, gegen 17:30 Uhr, traf Seizan ein und machte seine "Bestandsaufnahme". Jeder führte einzeln die Kata vor. Nach der traditionellen Ordnung war ich immer der Letzte, da ich rangniedrigste Schüler war. Ich lief mein Kata so, wie ich es gelernt hatte, versuchte, den Geist auszuschalten und es einfach fließen zu lassen. Es wurde nicht geredet und korrigiert. Seizan filmte die ganze Darbietung, um es uns zu ermöglichen, die individuelle Entwicklung in den zehn Tagen, später selber anhand der Videos, die da noch kommen sollten, beurteilen zu können. Den Gedanken fand ich gut. Einer knappe Stunde später war es vorbei und Seizan gab uns ein Fülle an Aufgaben und Tipps, an denen wir während unseres Aufenthalts im Eigenstudium konzentriert arbeiten sollten. Da war das Training zu meinem Erstaunen auch schon beendet.

Nach einer ausgiebigen und heißen Dusche ging es zum Essen.  Bei köstlichen Essen und Tee hatten wir mit Seizan einen regen Austausch rund um Karate und auch um damit verbundene philosophische Themen. Gegen 23:00 Uhr fing ich mit dem Kampf gegen bleischwere Augenlider an. Es dauerte noch ca. eine Stunde, dann ging's wieder in unsere Betten.

 

05. Januar, Samstag - Tag 2

Ich hatte gut geschlafen und wachte früh auf. Wieder konnte ich den Sonnenaufgang genießen. Wir hatten ein relaxtes Frühstück mit Sumako und Seizan.

Von 9:00 Uhr bis 10:00 Uhr trainierten wir allein Kata.  Um 10:30 Uhr begann Sumakos Yogaklasse, an der wir interessiert teilnahmen. In einer wohltuenden Ruhe wurden wir jedem Kursteilnehmer vorgestellt. Der Kurs bestand zum Großteil aus Japanern/innen fast aller Altersklassen und drei Amerikanerinnen. Der Duft der Räucherstäbchen und angenehmer Musik rundete die Atmosphäre ab. Es ist mir unbegreiflich, wie sich die Japanerinnen so elegant, anmutig und langsam in jede gewünschte Positionen bewegen konnten. Es war wirklich eine Augenweide, die Feinheit dieser Bewegungen zu beobachten. 

Ab 13:00 Uhr hatten wir Karate-Training. Erstmals mit Schülern von Seizan. Das Training begann mit dem Kitai, in der Kyureihenfolge abwärts. Nun blieb mir gleich zweimal die Luft weg. Das Kitai beim ersten Schüler war heftig anzusehen und auch das zweite Mal, als Seizan mir das Kitai abnahm. Denn es gab viel mehr Anregungen und Korrekturen als erwartet, die aber meine Uechi-Ryu bereicherten. Ich war froh mit einem Sensei, so individuell und detailliert an meinen Techniken arbeiten zu können. Nach dem Kitai erarbeiteten wir im Selbststudium mit den anderen Schülern das Bunkai der Kanshiwa. Zum Abschluss erfolgte Kata-Dantei. Eine Trainingseinheit mit vielen neuen Impulsen.

Nach dem Training machten wir uns frisch und es ging mit Sumako und Seizan zum Essen. Sumako fuhr uns in ein Restaurant unmittelbar am Cape Zanpa und dem Okinawa-Zanpamisaki Royal Hotel, in den 90igern fand dort G8-Gipfel statt.

Dieses Restaurant hatte eine einfache aber tolle Atmosphäre. Beim Betreten eines Restaurants war es für mich noch gewöhnungsbedürftig, die Schuhe auszuziehen. Es wurde uns traditionelles Essen serviert. Ich fand es sehr angenehm, dass die Suppe zur Speise begleitend gegessen wurde und nicht als Vorspeise.  In den japanischen Restaurants ist es Sitte, kostenfrei gekühltes Wasser zu den Speisen serviert zu bekommen. Dies schonte die Reisekasse. Im Anschluss ging es in den benachbarten Laden. In diesem wurden Desserts hergestellt und mit allerhand anderen Souvenirs verkauft. Der Clou war, dass man die Produktion der Süßwaren durch eine Glasscheibe vom Verkaufsraum beobachten konnte. Als es langsam zu Dämmern anfing, ging es zurück nach Nagahama. Sumako fuhr mit Andreas, Dag und Dominik noch in einen Supermarkt, damit wir unseren erhöhten Bedarf an Flüssigkeit decken konnten. Ich blieb mit Seizan in Nagahama. Er bat mich, für Sumako einen Engel zu malen, für die sie ein Schwäche hatte. Ich nutzte die Zeit, um die Arbeiten an der Zeichnung voranzutreiben.

Als die anderen wieder zurück waren hatten wir für uns noch eine Trainingseinheit geplant, wurden dann aber von Seizan in die Lounge gerufen. Die nächsten zwei Stunden verwendeten wir darauf, uns Videoschnitte des heutigen Trainings anzuschauen. Nach der "Videoskonferenz"durchliefen wir noch mal die kurz die Trainingsinhalte von heute.

Um den Tag würdig ausklingen zu lassen, machten wir einen nächtlichen Spaziergang zum Meer und entspannten uns beim gleichmäßigen Klang der Wellen, Sternenhimmel und mindestens 20 Grad Celsius.

Gegen 1:00 Uhr ging wieder ein toller Tag zu Ende.

 

06. Januar, Sonntag - Tag 3

Nach der üblichen Morgenwäsche ging es rüber zum Frühstück. Wir waren alle froh, dass es auch richtigen Kaffee gab, der uns tagsüber bei mentalen Schwächen gut Hilfe leistete.

Nach dem Frühstück redeten wir wieder intensiv mit Seizan über Uechi Ryu. Mir stand der Sinn nicht nach Theorie, so ich ging ins Dojo, um zu trainieren. Ich fand es immer toll, allein die Kata zu laufen. In dem Dojo hatte es ein ganz eigenes Feeling, besonders wenn noch eine leichte Duftnote der Räucherstäbchen im Raum lag. Gegen zehn Uhr startete das gemeinsame Training. Wir begannen, die Korrekturen in der Kata umzusetzen. Im Verlauf der Trainingseinheit kam Seizan hinzu und gab uns noch mehr Input. Ich hatte mich jetzt auch mit den Wandspiegeln arrangiert und zog beim Training einfach die Brille aus. Mit der Unschärfe lief es wesentlich besser.

Heute Nachmittag stand Curry auf dem Speiseplan. Mittags fuhr Sumako mit uns, zu einer Currybar. Das Wetter war wieder gut und unsere Stimmung auch. Nach ca. 20 Minuten Fahrzeit waren wir am Ziel. Sumako parkte vor einem Supermarkt. Ich suchte vergebens die Currybar. Sie war unscheinbar und ohne große Beschilderung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Bar war ein kleiner Raum mit direkter Einsicht in die Küche. Der Koch hockte gerade auf dem Gaskochfeld und versuchte, die Dunstabzugshaube zu reparieren. Die Eigentümer hatten aus einfachen Mitteln coole Accessoires gebaut. In der Bar gab es keine Karte. Die Unternehmensphilosophie war, jeden Tag nur ein Gericht zuzubereiten. Und wenn die Zutaten aufgebraucht waren, war Feierabend. Das Essen war fantastisch, verschiedene Currysaucen mit verschiedenen Beilagen und leckerem Fladenbrot, alles angenehm scharf. Als Nachtisch gab es ein aufgeschäumtes Tee-Milchmixgetränk mit Gewürzen on top; Curry durfte natürlich auch nicht fehlen.

Ab 14:00 Uhr ging das Training weiter. Jeder arbeitete individuell an seinen Schwerpunkten und wurde abwechselnd von Seizan betreut. In dieser Art hatte ich mir das Training erträumt, so trainierten wir die nächsten drei Stunden. Es war sehr anstrengend und effektiv.

Wieder Essen, um 18:00 Uhr waren wir auf dem Weg in eine Sushibar. Was für eine Freude: Sushi essen, auf Okinawa. Die Sushibar war klein übersichtlich und gemütlich. Wir hatten im Vorfeld vereinbart, unsere Gastgeber einzuladen. So bestellten wir ungehemmt und baten Sumako, besondere Leckereien zu ordern. Wir hatten den größten Tisch, und der war gut gefüllt. Als wir gestärkt und satt im Dojo zurück waren, blödelten wir erst mal wieder ein Runde und arbeiteten dann ernsthaft an den neuen Inhalten. Die wichtigsten Neuerungen hielten wir auf Video fest. Es kam jeden Tag so viel interessantes hinzu, dass es uns schwerfiel, nicht den Überblick zu verlieren.

Viel Training und viel Essen - wir waren richtig platt, der Tag war anstrengend. Um 22:30 Uhr bauten wir unsere Betten und schliefen schnell ein.

Dominik war wie immer am schnellsten im Land der Träume.

 

 

07. Januar, Montag - Tag 4

Ich wachte gegen 5:00 Uhr wegen Rückschmerzen auf und begann so den Tag sportlich mit meiner Rückgymnastik. Heute frühstückten wir erstmals allein und ließen uns Zeit. Der bewölkte Himmel und die dadurch angenehme Temperatur festigte unsere Idee, eine ausgedehnte Trainingseinheit auf Zakimi-Castle zu absolvieren.

Als wir nach dem fast 20-minütigen Fußweg ankamen, hatte sich die Wolkendecke verdunkelt und ließ ihre feuchte Fracht auf uns niederfallen. Zum Glück war neben dem Eingang zum Zakimi-Castle ein geschlossener und überdachter  Kiosk. Hier fanden wir erst mal Schutz vor dem Regen. Nachdem der Regen aufhörte, war der Boden jetzt so aufgeweicht, dass wir nach einer Trainingseinheit wie eine Rotte suhlender Wildschweine ausgesehen hätten. Einstimmig beschlossen wir, unverrichteter Dinge das Vorhaben zu beenden und  doch im Dojo mit dem Training zu beginnen. Direkt hinter dem Kiosk, zwischen Acker und Straße, stand eine Batterie von Getränkeautomaten, die - gegen meine bisherige europäische Erfahrung - nicht versaut, besprüht, kaputt oder leer waren. Alle waren top gepflegt und funktionierten und boten gekühlte Getränke aller Art: Softdrinks, Isodrinks, Tees, Bier und genauso Warmgetränke in Form von Kaffeegemischen in Dosen. Ich probierte Kaffee aus der Dose der Kaffeegeschmack war eigen, aber okay - und wirklich sehr warm.

Gegen 12:30 Uhr waren wir zurück, trafen Seizan, der in der Pause nach Hause kam. Was sollten wir jetzt nach so einem versauten Vormittag machen? Na klar: essen. Landfein ging es runter in die Soba. Ich würde es als okinawische Imbissbude mit Sitzplätzen beschreiben. Hier gab es die berühmten Soba - okinawische Suppen mit den typischen Weizennudeln. Mit Hilfe von Wörterbuch, etwas japanisch, englisch und viel Gestik konnten wir unsere Bestellung aufgeben. Die Suppen war köstlich. Gut gestärkt und hochmotiviert ging es zurück zum Dojo.

Von nun an arbeiteten wir hart an den Details und Feinheiten. Die Zeit verging wie im Flug. Um 16:30 Uhr unterbrachen wir das Training. Es sollte heute noch zu Toyama-Sensei gehen, und deshalb gab es zur Stärkung eine Kaffee- und Snackpause. Eine halbe Stunde später führten wir unser Training fort. Kurz darauf folgte uns Seizan und gab neue Anregungen.

Um 19:00 Uhr begann die reguläre Trainingseinheit, und die ersten Schüler fanden sich ein. Das Training war wesentlich form- und zwangloser. Es gab kein gemeinsames Angrüßen und Aufwärmen. Die Schüler trafen auch nicht pünktlich ein, und somit grüßte jeder selbstständig an und wärmte sich eigenverantwortlich auf.

Währenddessen beginnt Seizan mit den Sanchin-Kitai. Von den anwesenden Schülern wieder der Ranghöchste zuerst und entsprechend der Kyugrade ging die Reihenfolge abwärts, durch die Eigendynamik war die Reihenfolge irgendwann hinfällig.

Zum ruhigen Eigenstudium und zur Umsetzung Seizans Anweisungen ging ich raus auf die Terrasse. Zu meiner Überraschung hatte ich das Glück Seizan alleine eine neue Kata zu üben. Die Trainingseinheit endete um 21:00 Uhr.

Wir waren jetzt alle auf den Höhepunkt des Abends gespannt: Toyama Saiko-Sensei. Es folgte die große Enttäuschung - Seizan hatte den Termin abgesagt, ihn quälte eine Erkältung.

Nach einer erfrischenden Dusche spazierten wir zur Küste. Auf dem Weg hätte ich mir beinahe einen runterhängenden Ast ins Auge gerammelt, doch meine Brille verhinderte Schlimmeres - es hat auch Vorteile, Brillenträger zu sein. Wir wurden noch zu unserer Überraschung herzlich in eine kleine urige Bar an der Küstenstraße eingeladen. Der Koch der Suppenküche, von heute Mittag,  war auch gleichzeitig Barbesitzer und wollte mit uns noch unbedingt einen trinken. Das wir nur eine Cola wollten akzeptierte er etwas missmutig, aber mit einem Lächeln. Von da an, war es unsere Stammkneipe für die nächsten Abende.

Mein erstes Resümee nach den ganzen Tagen Training: Es tat mir saugut. Die ständige Arbeit an der Haltung und Atmung entspannte den Körper. Die gesunde Lebensweise auf Okinawa (scheiß auf Jamaika), das Wetter und das Urlaubsgefühl verstärkten die Gesamtentwicklung.

 

08. Januar, Dienstag - Tag 5

Der Wecker klingelte, es war 06:00 Uhr: Um 7.00 Uhr saßen wir mit Sumako im Auto auf dem Weg nach Okinawa-City, um unseren Bedarf an Gis und Obis zu decken. Der Wettergott schien uns gewogen zu sein, es wurde wieder ein schöner Sonnentag. Nach einem kurzen und ekligen Snack bei McDoof schlenderten wir entlang einer vierspurigen Straße zum IPPON-DO, leider machte das Geschäft erst um 10:00 Uhr auf. Wir trieben durch die Shoppingstraßen, die eigentlich eher überdachte, mehrstöckige Gassen mit einem Geschäft nach dem anderen waren mit den verschiedensten Waren.

Endlich hatte IPPON-DO geöffnet. Mein Körperformat war nicht japanischer Durchschnitt. Ein passende Gi wurde aus einer tiefen, hinteren Ecke das Lagers ausgemottet. Er passte super, war nur durch die lange Lagerzeit etwas angegilbt. Er sollte aber angeblich nach dem Waschen super weiß sein. Skeptisch probierte ich noch eine Nummer kleiner an, der weiß strahlte, aber dann doch an den Armen und Beinen zu kurz war. Den Mutigen gehört die Welt, die Wahl fiel auf die gelbliche Variante. Jeder deckte so seinen Bedarf, und nach emsigem Hin und Her waren wir nach über zwei Stunden fertig - und das Verkaufsteam bestimmt auch.

Es war mittlerweile nach Mittag, was liegt also nah? Essen! Schnell war eine nette Bar gefunden, in der wir ein arg westlich angehauchtes Gericht aßen und auf dem Klo von ausgestopften Krokodilbabys bespannt wurden. Danach ging es in einem Taxi zurück nach Nagahama. Das Thermometer von heute morgen zeigte nun warme 26 Grad an.

Bei den Temperaturen und strahlend blauem Himmel war klar: Training auf  Zakimi-Castle. In Trainingsmontur, mit Kameras ging es zum zweiten Mal hoch zur Ruine. Das erste Highlight war die Bananaspider - eine wirklich große Spinne. Dag hat sie entdeckt und schon war sie das Fotomodell des Tages. Nicht schön, aber faszinierend!

Nach dem Spidershooting widmeten wir uns dem UNESCO-Kulturerbe: Zakimi-Castle. Die Ruine besteht im wesentlichen aus soliden Festungsmauern, die nichts Spektakuläres beherbergen. Die Aussicht von den Festungsmauern war unter dem blauen Sonnenhimmel prächtig. Noch einige Fotos und es wurde ernst. Hier auf historischem Boden wurden das Training zu einem besonderen Erlebnis, besonders unter dem Beifall und der Anerkennung der japanischen Ruinenbesucher.

Um 16:30 Uhr waren wir zurück im Dojo und führten das Training fort. Gegen 18:00 Uhr gönnten wir uns einen Imbiss und um 19.00 Uhr ging es mit Seizans Trainingseinheit weiter.

System overload - meine Hüfte wimmerte um Gnade. Das Programm heute und der letzten Tage forderte seinen Tribut, mit Training war für heute Schluss. Seizan hatte Verständnis und ich beteiligte mich passiv als Beobachter. Na ja, ich wollte es zumindest, denn den Drang aktiv zu sein, konnte ich doch nicht unterdrücken und beteiligte mich locker am Geschehen. Trotz der zickigen Hüfte tat es verdammt gut. Um 21:00 Uhr war dann wirklich Ende.

Endlich erfuhr ich die Bedeutung der zwei Tonfiguren vor jedem Hauseingang. Die Tradition stammt noch aus der Zeit der Chinesen. Es handelt sich um stilisierte Löwen, die das Haus von innen nach außen und außen nach innen schützen sollen. Damit nichts Schlechtes ins Haus gelangt, hat der eine Löwe das Maul geschlossen und der andere das Maul geöffnet, um das Schlechte aus dem Haus zu brüllen.

Zur allgemeinen Erheiterung kleidete Sumako Dag in einen Kimono. Er hatte ihn heute Morgen für eine Bekannte gekauft. Obwohl uns die Verkäuferin die Kunst des Schnürens eines Kimonos vorführte, gab es noch Klärungsbedarf. Gegen Mitternacht bauten wir unsere Betten auf. Bis fast halb zwei haben Dag, Andreas und ich noch gequatscht.

 

09. Januar, Mittwoch - Tag 6

Heute Morgen gönnten wir uns richtig Schlaf, wir standen "erst" um 7:30 Uhr auf. Alle hatten leider mit gesundheitlichen Problemchen zu kämpfen. Dominik hatte sich eine deftige Erkältung eingefangen, er konnte kaum reden. Dag war ebenfalls erkältet, aber nicht so heftig. Bei Andreas und mir meinten die Knochen Disharmonie schaffen zu müssen. Zum Heulen hatten wir die Reise aber nicht angetreten, deswegen ging es wie gewohnt weiter..

Nach unserem lockeren Frühstück ging es um 10:00 Uhr wieder in die Vollen. Heute hatte ich mich nach dem gemeinsamen Aufwärmen und Katatraining aus der Gruppe gelöst. Allein auf der Terrasse übte ich mich in sehr softer und langsamer Ausführung der Abläufe. Meeressicht, wärmende Sonne, Ruhe und bewusste Bewegung - einfach geil! Nach eineinhalb Stunden Studium erfrischten wir uns mit einer Dusche und machten uns auf zum Mittagessen in die Sobabar. Mit angenehm gefüllten Bäuchen schlenderten wir noch über den Strand.

Um 14:00 Uhr führten wir unser Training bis 17:00 Uhr fort. Ab 18:30 Uhr trafen die ersten Schüler von Seizan ein. Schwerpunkt heute war die Kata Seisan. Nach dem Kitai wurde jedem ein Schüler zugewiesen. Mein japanischer Braungurt konnte nur schlecht Englisch oder war sich nur unsicher. Mit Händen und Füßen verständigten wir uns, bei Karate-Do sehr zweckdienlich. Die fehlende Verbalkommunikation war von Vorteil. Ich musste mich stark auf die Vorführung meines jungen Lehrers konzentrieren. Wie immer war die offizielle Stunde gegen 21:00 Uhr beendet.

Hurra, es gab wieder Adrenalin und Aufregung pur, es ging zu Toyama-Sensei. Kurz darauf waren wir alle in Seizans Auto auf dem Weg zu Toyama-Sensei. Leider konnte ich das Grundstück im Dunkeln nicht komplett sehen. Was ich erkennen konnte, hatte den Charme eines asiatischen Bauernhofs. Es waren zwei einfache Häuser längsseits nebeneinander. In einem vorderen war das Dojo. Die Anspannung stieg, auch bei Seizan. Hecktisch zogen wir uns die Schuhe aus und gingen über eine schmale und holprige Stufe ins Dojo. Schnell und korrekt grüßen, ab auf den zugewiesenen Platz und Ruhe . Darauf hatten wir alle gewartet: in DEM Raum des UechRyuZankai zusammen mit Toyama-Sensei. Was war das für ein tolles Gefühl. Der anerkannte Großmeister, der "Papst" des UechiRyuZankai lebte zurückgezogen und bescheiden.

Sein Dojo war ebenfalls mit Erinnerungen aus Jahren des Studiums und mit vielen Gastgeschenken geschmückt. Traditionell auf der Shomenseite: Bilder der Meister und aktueller -Sensei, Urkunden; zu den Seiten hingen Bilder der jetzigen Schüler. Toyama hatte, aus Platzgründen, seinen Platz gegenüber der Shomenseite, in einem Sessel. In diesem Sessel saß er auch jetzt - Toyama - ruhig, ausgeglichen, nicht in Schein und Glorie oder überzogener Selbstdarstellung. Bescheiden, einfach gekleidet im Trainingsanzug und strahlte eine starke, aber nicht aufdringliche Präsenz aus - einfach Sanchin. Genauso greifbar schien der Respekt, der Toyama von seinen Schülern und uns entgegengebracht wurde.

Er begrüßte uns warmherzig und respektvoll. Man spürte ständig seine Aufmerksamkeit, der nichts zu entgehen schien. Er schaute sich jeden von uns genau an und konnte sich genau an Dominik, Dag und Andy erinnern. Nach herrschender Dojositte bekamen wir von Schülern Tee, Obst und Snacks gereicht. Andreas hatte währenddessen die ehrenvolle Aufgabe, Toyama-Sensei unsere Gastgeschenke zu überreichen und zu erklären. Da Toyama kein Englisch konnte, ging es mit Hilfe seiner Nichte als Dolmetscherin. Es war etwas zeitaufwendig, da er alles genau wissen wollte. Wir mussten noch alle auf einer Deutschlandflagge neben dem Eingang unterschreiben. Je größer und schwungvoller die Unterschrift ausgeführt wurde, umso begeisterter war Toyama - genau mein Ding!

Die leichte Entspannung der letzten Minuten verflog explosionsartig - wir sollten unser Können demonstrieren. Zum Anfang ein kräftiges Sanchinkitai von Seizan. Im Laufe des Kitais hatte ich das Gefühl, alle antrainierten Korrekturen der letzten Tage waren zum Teufel. Es war mir dann auch egal, ich wollte nur noch locker und sicher wirken.

Der Abschluss für uns war KataDantei. Nach Abschluss unserer Demonstration viel die mentale Anspannung von uns ab und ich merkte jetzt erst, wie fertig und doch selig ich mich fühlte. Nun waren Toyamas direkten Schüler an der Reihe, alles Dan-Träger. Jeder für sich superklasse. Spektakulärer war die erweiterte Form des Renzukokumite.

23:00 Uhr: Das Training schloss mit dem üblichen Zeremonial. Von Toyama erhielten wir keine Reaktion, was ich nicht negativ, aber auch nicht positiv wertete. Es gab und gibt mehrere Eindrücke, die mich stark beschäftigt und begeistert haben und noch tun: dieser fast greifbare Respekt von den Schülern vor Toyama. Kein erkaufter Respekt durch Statussymbole und autoritäres Gehabe, sondern für das, was er ist, was er den Menschen vermittelt. Und trotz dieser enormen Anerkennung ist er ein bescheidener, zurückgezogener, einfacher und würdevoller Mensch. Es ist auch die Bestätigung der Erkenntnis, dass man solche Menschen im Leben selten findet und nicht in der prahlerischen Öffentlichkeit antrifft. Es kräftigt meinen Glauben an die Tugend der Bescheidenheit, Respekt und Aufmerksamkeit. Auch wir wurden mit gespürtem Respekt von Ihm empfangen und uns wurde viel Achtung von Toyama zu teil, dafür dass wir uns auf den langen und teuren Weg nach Okinawa gemacht haben, um in UechiRyu unterrichtet zu werden.

Die ständige Präsenz und genauso die spürbare Aufmerksamkeit Toyama-Sensei gegenüber allen Anwesenden, diese fast greifbare Aufmerksamkeit war während der Demonstration noch intensiver zu spüren.

Diese knappen zwei Stunden haben die Hoffnungen und Erwartungen an diese Reise zu einem Großteil erfüllt. Ich habe einen Seelenschatz gefunden, der seinen Wert erst mit dem bewussten Behüten entfalten wird. Nach der verdienten Dusche schrieb ich noch eine lange Mail an meine liebe Petra. Das Erlebte und die stille Begeisterung musste ich mit ihr teilen. Bis sich unsere Gemüter beruhigt hatten und sich jeder seine Eindrücke von der Seele geredet hatte, war es wieder knapp 01:30 Uhr, bevor uns der Schlaf ausknockte.

 

10. Januar, Donnerstag - Tag 7

7:30 Uhr: Der gestrige Tag hängt uns noch in den Knochen, wir konnten uns nur mit viel Mühe zum Aufstehen durchringen. Das ausgiebige Frühstück brachten meine Lebensgeister aber auch nicht in Fahrt, aber so ging es uns allen. Deswegen entschieden wir uns für einen trainingsfreien Vormittag und wanderten zum Potteryvillage. Ein handwerkliches und touristisches Highlight auf Okinawa und für uns recht bequem zu Fuß zu erreichen. Die Sonne verwöhnte uns wieder, und so ging es mit den üblichen Utensilien los: Kamera, Rucksack und Blödsinn im Hirn. Vor dem Potteryvillage erspähten wir eine Glasbläserei. Die Werkstatt war eine achteckige Hütte, von außen einsehbar. Das emsige Treiben der Handwerker folgte einem routinierten Ablauf. Die Erzeugnisse bestaunten wir in den toll hergerichteten Verkaufshütten. Sündhaft schöne Glaserzeugnisse und Kunstobjekte, die jede Reisekasse gesprengt hätten.

Wenige hundert Meter später trafen wir auf die ersten Potteryläden und -Werkstätten. Die Gebäude waren zum Teil traditionell hergerichtet. Dieses Häuserbild bettete sich harmonisch in die umgebende subtropische Pflanzenwelt ein - wenn da nur nicht die blöden Getränkeautomaten gestanden hätten. Jede Manufaktur hatte ihren eigenen Stil: in Formendesign, Gravuren und Farbwahl der Lasierungen. Die Zeit verging im Flug, es war schon nach Mittag, als wir unsere Besichtigung und Einkäufe erledigt hatten. Um etwas Zeit zu gewinnen, bestellten wir uns für den Rückweg ein Taxi.

Im Dojo angekommen zogen wir uns um und begannen mit dem Training. Nach einer intesnsiven Stunde meldete sich der Hunger - das Training war also vorerst beendet. Heute besuchten wir Kikis, ein Restaurant unweit von Seizans Haus, quasi einmal um die Ecke. Das Restaurant war sehr gemütlich und stilvoll eingerichtet. Wir bestellten uns Kikis Special, eine bunte Platte mit einer reihen von lokalen Spezialitäten. Satt und zufrieden starteten wir nach dem Mahl mit der zweiten Trainingseinheit. Trotz anfänglicher Startschwierigkeiten verlief das Training gut. In Seizans Stunde war meine Sanchinkitai schon besser, die Korrekturen nahmen merklich ab.

Auch wurde ich mit der Engelszeichnung für Sumako fertig. Nach dem Abendessen überreichte ich ihr das Bild. Zu meiner vollen Verblüffung war sie vor Freude total aus dem Häuschen. Es hat mich sehr gefreut Sie so zu begeistern und dieses Strahlen in ihren Augen - herrlich.

Wir beendeten den heutigen Tag sehr früh und bauten um 22:30 Uhr unsere Betten.

 

11. Januar, Freitag - Tag 8

Wir wurden wieder früh wach, ich war wohltuend ausgeschlafen. Die Sonne strahlte uns wieder von einem tadellos blauen Himmel an. Bei dem Wetter wollten wir draußen trainieren. Also machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zum Zanpa-Cape. Nach fast 45 Minuten Fußweg erreichten wir das Cape und seinen makellose Korallensandstrand mit dem türkisfarbenen Meer. Ich hatte sofort das starke Verlangen, mich in sanfte Brandung zu stürzen. Blöderweise hatte ich meine Badehose vergessen. Ich krempelte meine Hosenbeine hoch und gönnte wenigstens meinen Füßen warmes Pazifikwasser. Wir nutzen noch das Angebot uns mit einem Glasbodenboot die Unterwasserwelt anzuschauen.

Nach der kurzen Bootstour gingen wir der Küste entlang, auf der Suche nach einen schönen Ort für ein kurzes Training. Schön war es hier überall, problematisch war nur das scharfkantige Lavagestein, welches einem barfüßig die Fußsohle bis auf die Knochen zerfetzt hätte. Schließlich fand sich ein sanft begrüntes Plätzchen, auf dem wir unsere Kata machen konnten.

Nächster Punkt unseres Ausflugs war der Leuchtturm, den man gegen geringes Eintrittsgeld erklimmen konnte. Auf dem Weg dahin gönnten wir uns nach den Anstrengungen am Imbissbus, es war tatsächlich ein umfunktionierter Reisebus aus den 70ern, leckeres Süßkartoffel-Softeis.

Vom Leuchtturm aus hatten wir einen grandiosen Ausblick rund um das Zanpa-Cape. Beeindruckend waren auch die schroffen und hohen Lavaklippen Richtung Nagahama. Für den Heimweg bestellten wir uns wieder ein Taxi.

Um 15:00 Uhr setzten wir das Training in Dojo fort. Es fand keine reguläre Trainingsstunde statt. So dehnten wir unser Training bis in den späten Abend aus. Die drei Jungs gingen nach dem Training in unsere Stamm bar, ich hatte keinen Bock. So durfte ich mich als Dank für meine Zeichnung bei Sumako in japanischer Kalligraphie üben, sie hatte eine mehrjährige Ausbildung in dieser Kunst. Während ich mich an dem Pinsel ausprobierte, entdeckte ich, dass diese Kunst viel mit Karate-Do gemeinsam hat. Zum Abschluss eines tollen Tages setzte ich mich, im Januar bei über 20 Grad Nachttemperatur, auf die Terrasse und genoss den Sternenhimmel über dem Pazifik.

 

12. Januar, Samstag - Tag 9

Wie üblich standen wir gegen halb acht auf, es ging allerdings schleppender und zäher. Nach dem gemeinsamen Frühstück mit unseren Gastgebern säuberten wir das Dojo für Sumakos Yogaklasse.

In dieser Stunde glänzte ich - durch Abwesenheit. Mein Fokus lag auf Uechi und nicht Yoga. Da am Montag Kyu-Prüfung sein sollte mit anschließendem Training bei Toyama-Sensei, schonte ich mich. Nach der Yogastunde trainierten wir locker und vertieften weiter alle neuen Erkenntnisse.

An diesem Abend bekochten wir unsere Gastgeber mit einfacher deutscher Kost. Nach einem lustigen Essen und Küchendienst gingen wir in "unser" Bar an der Küstenstraße. Nach nicht mal zwei Stunden strichen wir die Segel und machten uns auf den Heimweg, begleitet vom Meeresrauschen. Dieses beruhigende Naturorchester aus Wind, Wasser und Zeit wird mir sehr fehlen. Wir bauten unsere Bodenbetten und gaben uns nach etwas Klönen dem Schlaf hin.

 

 

13. Januar, Sonntag - Tag 10

Die Wettergötter waren uns ungnädig: Es regnete und die Wolkendecke versprach keine Aussicht auf milde Sonnenstrahlen - bestes Wetter für einen intensiven Tag im Dojo. Nach der Morgenwäsche frühstückten wir ausgiebig mit Sumako und Seizan. Danach ging es wieder zum Eigenstudium. Gespickt mit kleinen Pausen verbrachten wir so den restlichen Vormittag und Nachmittag.

Für Montagnachmittag 15:00 Uhr war unsere Prüfung angesetzt und danach unser letztes Training bei Toyama-Sensei. In Anbetracht dieses Programms schonten wir unsere Kräfte. Für den Abend hatte Sumako in einem historischen Restaurant eine Tafel für uns und weitere Gäste reserviert und so machten wir uns gegen 18.00 Uhr auf den Weg. Die Restaurantanlage war wunderschön angelegt. Das Restaurant selbst war im Stil traditioneller Architektur vergangener Zeiten, in einer stimmigen Gartenanlage gebaut. Selbst im Dunkeln mit einer toll akzentuierten Beleuchtung wirkte es wunderbar, gerne hätte ich die Anlage auch im Hellen gesehen. Unser Menu bestand aus einer Reihe traditioneller Speisen. Der Hauptgang war eine Platte mit vielen Beilagen. Mittelpunkt war kunstvoll angerichteter Fisch. Später erfuhren wir, dass die ledrigen Fleischstücke, auf der Platte gekochte Schweinsohren waren. Nicht nur das Wissen, sondern auch das Geschmackserlebnis bestärkten mich in dem Entschluss, dass ich die nicht noch mal brauchte.

Zwischen und während der Gänge folgten wir den musikalischen Darbietungen. Traditionell geschminkte und gewandete Musikerinnen führten uns ihre Kunst vor. Die Kostüme waren farbenfroh und verhüllten ihre Trägerinnen komplett. Die Schminke verlieh den Darstellern etwas Puppenhaftes, da sie die Mimik komplett verbarg. Sie entsprach der asiatischen Idealvorstellung. Nach der Vorstellung und geleerten Tellern leerte sich das Restaurant schlagartig. Ein gemütliches Beisammensitzen, wie wir es gewohnt sind, kennt man hier wohl nicht. Nach der Verabschiedung nahmen wir uns die Zeit und schlenderten durch den Garten, der Anlage.

In Naghama trafen wir uns alle in der Lounge. Unterschwellig schlich sich bei uns Wehmut ein, da unser Aufenthalt auf Okinawa sich seinem Ende näherte. Als wirkungsvolles Gegenmittel planten wir den Dienstag, unseren letzten Tag auf Okinawa. Der letzte Tag ist traditionell ein Ausflugstag. Unsere Ziele standen schnell fest. Als erstes sollte es in den Expopark von 1975 gehen. Die Besonderheit zu der Parkanlage war eines der weltgrößten Aquarien. Dann die Stadt Nago und was der Fahrer uns entlang der Strecke empfehlen konnte. Den Abschluss sollte ein okinawisches Mittelalterdorf bilden. Nach einem kleinen Plausch mit Seizan gingen Dominik und ich zu Bett und Andy und Dag nochmals in die Bar. Ich wollte für unseren Prüfungstag und das letzte Training bei Toyama fit sein.

 

 

14. Januar, Montag - Tag 11

Das Wetter war wieder regnerisch und wolkenverhangen. Dieses Wetter war bestens geeignet, um sich konzentriert auf die Prüfung vorzubereiten.

Gegen 11:30 Uhr beendeten wir unser lockeres Training machten mit Seizan noch einen kleinen Ausflug, dabei besuchten wir einige kuriose Geschäfte. Nach drei Stunden waren wir zurück und machten uns fein für die Kyu-Prüfung. Das bedeutete erstmals komplett im Gi und möglichst relaxed im Dojo.

In der Prüfung war die Reihenfolge der Prüflinge vom niedrigsten Gurt zum höchsten. Ich hatte die Ehre zu beginnen. Und wie ich dann vor Seizan stand, war sie da, die Nervosität. Es gab ja eigentlich nichts zu verlieren, Seizan wusste bestimmt, was er zu erwarten hatte. So gab ich dann mein bestes. Prüfungsanfang war das Sanchin-Kitai. Darauf verlangte Seizan die Seuchin und dann die Kata Seichin. Nach unserer Prüfung verließen wir das Dojo und trafen uns in der Lounge. Seizan füllte die Prüfungsformulare aus und fügte noch weitere Notizen hinzu. Darauf folgte ein Analysegespräch für jeden. Diese Prüfung war wieder eine eingehende und neue Erfahrung.

Ein weiteres Ziel meiner Reise war erreicht. Ich wusste von nun an, wie ich meine Leistung und mein Können einzuschätzen hatte. Sehr langsam, fast unmerklich machte sich in mir eine Ruhe und Erleichterung breit. Als wir wieder für uns waren, gab es natürlich viel zu quatschen. Wir gönnten uns körperliche Ruhe, der Geist wollte dem jedoch nicht folgen.

Nun waren wir gespannt, was uns besonderes bei Toyama-Sensei erwarten sollte. Kurz darauf waren wir mit Seizan schon auf dem Weg zu Ihm. In Toyamas Dojo brannte Licht, er selber war noch nicht zugegen. Wir waren noch alleine im Dojo und wärmten uns eigenverantwortlich auf. Ich nutzte die Gelegenheit, mir alles genau einzuprägen. Die kurze Ruhephase in einer wieder neuen und so intensiven Umgebung beruhigte und tat einfach gut. Toyama-Sensei betrat gegen 20:00 Uhr das Dojo in seiner unvergleichlich ruhigen, bescheidenen und doch sehr präsenten Art. Nach einer kurzen Begrüßung mussten wir  mit Kata-Dantei beginnen. Während wir unser erlerntes vorführten, trudelten Toyamas Schüler ein, darunter auch seine Enkelin. Nachdem wir mit unserem Programm fertig waren, durften wir Toyamas Schüler zuschauen. Ich rüstete mich mental für unsere nächste Sequenz, als es plötzlich hektisch wurde. Zügig wurden zwei Bierzeltgarnituren aufgestellt und wir bekamen ein reichhaltiges Essen serviert. War das jetzt die Besonderheit des Abends: ein gemütliches Essen mit Toyama-Sensei, seiner Familie und Schüler? Wahrlich auch ein besonderes Erlebnis, wir hatten mit einem schweißtreibenden Training gerechnet und darauf gehofft.

Besonders geehrt fühlte ich mich, als Toyama gegen Ende uns ein Präsent überreichte. Jeder erhielt eine kleine Buddhafigur.

Die Zeit verging wieder sehr schnell, und wir befanden uns im Auto auf dem Weg zurück. Wie wir diese Stunden bei Toyama werten sollten, war uns nicht klar. Unsere Erwartungen waren andere gewesen: viel Training und Anweisungen von Toyama-Sensei, die wir im heimischen Training umsetzten sollten und wollten. Später wurde mir klar, dass genau dieses Essen die Besonderheit war. Wie mir Seizan versicherte, gab es nur wenige, denen ein gemeinsames Essen mit Toyama-Sensei, seiner Familie und engen Schülern Zuteilwurde. Seine Motivation wurde uns schmerzlich über ein Jahr später klar.

 

15. Januar, Dienstag - Tag 12

Wir waren wieder früh auf den Beinen und wollten zeitig unterwegs sein, um viel zu sehen. Der Fahrer kam pünktlich auf die Minute um 9:00 Uhr. Meines zierlichen Körperbaus wegen wurde mir der üppige Beifahrersitz zugewiesen. Mit dem Wetter hatten wir etwas Glück, der Regen hatte aufgehört und gelegentlich sah man etwas Blau zwischen den Wolken hervor blitzen. Die Fahrt ging entlang der Küste, vorbei an Stränden und fehlplatzierten Hotelmonstern inklusive der Hochzeitskapellen.

Nach knapp zwei Stunden erreichten wir unser erstes Ziel, den Expopark. Eine wunderschön angelegte Parkanlage, in der man vergebens dieses Aquarium suchte. Die Architekten haben es geschickt in den abfallenden Hang zum Meer gebaut. Wir erblickten nur einen offenen, überdachten Bereich, der einem beim Betreten einen herrlichen Ausblick aufs Meer und die vorgelagerte Insel preisgab. Nun bekam man einen zaghaften Eindruck von der Größe des Gebäudekomplexes. Eine monströse Rolltreppe führte über mehrere Etagen runter auf eine Fläche mit verschieden großen Fischbecken. Wir begaben uns in den Aquariumkomplex. Zu Beginn der Tour durften wir unter Aufsicht Seestern und andere undefinierbare Meeresbewohner betatschen, dann folgten wir gespannt dem dunklen Gang auf unserer Tour durch das bunte Unterwassertreiben. Zu Beginn sahen wir auf der rechten Seite großformatige Becken mit einem super nachempfundenen Riff mit all seinen farbenprächtigen Bewohnern: im Grund das ganze Filmteam von Nemo mit Statisten, selbst kleine Haie kreisten anmutig durch die Vielzahl großer und kleiner Fische. Nachdem wir die herrliche Flora und Fauna eines lebendigen Riffs bestaunen konnten, tauchten wir nun in die Tiefe der Ozeane. Die Räume wurden dunkler und kühler. Durch kleine Fenster konnte man in dunklen Becken die Bewohner der Tiefsee bestaunen oder erahnen. Nun wurde mir auch klar, woher die kreativen Monstererschaffer der Filmindustrie ihre Ideen bezogen: entweder aus der Tiefsee oder alternativ mit der Lupe aus einem Insektenhaufen.

Egal wie wichtig die gedämpfte Beleuchtung für die Meerestiere war, die Besucher fotografierten mit kräftiger Blitzlichtunterstützung los. Nach Muränen, Seepferdchen, Piranhas und keine Ahnung was sonst noch alles näherten wir uns dem imposantesten Becken überhaupt. Wir kamen aus dem Gang raus und schauten an einer 8,2 Meter hohen Glasscheibe runter, die sich über eine Länge von 22,5 Meter erstreckte. Hinter dieser 60 Zentimeter starken Kunststoffscheibe bewegten sich gemächlich Walhaie, die bis zu 16 Meter lang werden können, Mantarochen (die in diesem Becken auch schon Nachwuchs bekommen hatten) und eine Vielzahl verschiedener Fischschwärme. Dieses Becken war zu der Zeit das weltgrößte Aquarium mit 7.500.000 Litern Wasserinhalt. Von diesem unfassbaren Anblick waren wir überwältigt und brauchten etwas Zeit, um ihn in seiner optischen Sinnesgewalt zu verarbeiten. Wir suchten uns einen schönen Platz in der Cafeteria direkt am Becken. Sitzend bei einem guten Kaffee und Sandwich, staunten wir nur. Nach diesem atemberaubenden Erlebnis spazierten wir noch etwas durch die Parkanlage. Irgendwo fand ich einen Weg runter an einen kleinen Strand. Durch die Wetterverhältnisse hielten meine Fotos mal keine triefende Postkartenidylle fest, sondern raue Strandaufnahmen in Unwettermanier.

Auf unserem Rückweg zum Auto begegnete uns wieder ein Beispiel der manchmal grotesken japanischen Ingenieurskunst: ein Regenschirmautomat! Es waren nicht kleine Schirme im Knirpsformat, sondern ausgewachsene Schirme - gemessen an der japanischen Körpergröße.

Unser Fahrer schlug uns als nächste Ziele das Nakijin-jo und eine Ananasfarm vor. Wir stimmten sofort zu und unser Gefährt wand sich durch üppig bewachsene Hügelketten. Das Nakijin-jo ist eine Burgruine aus dem Ryukyu-Reich, die wie Zakimi zum Weltkulturerbe gehört. Im Gegensatz zum Zakimi-jo stehen hier noch mehr Mauerreste und urige Grünanlagen. Seinen Wissensdurst konnte man noch im hübsch angelegten Museum stillen. Danach fuhren wir durch okinawas hügeliges Inland weiter zur Pineapple-Farm. Von dieser Hügelregion und ihrer Natur hätte ich gerne noch viel mehr gesehen und gegen eine "Waldwanderung" nichts gehabt, leider reichte die Zeit nicht. Irgendwann kamen wir dann auch an der Pineapple-Farm an. Bei Farm denkt man ja eigentlich an etwas heimeliges, umgeben von viel Nutzfläche. Was man äußerlich sah, waren jedoch Gebäude im Stil architektonischer Knobelbecher. Alles mal rein, schütteln und gucken, was der Betonmischer auswirft. Aus ökonomischen Überlegungen entschieden wir uns ohne Umwege für den Ananaskonsumtempel. Hier konnte das staunende Auge sehen, was man alles aus Ananas herstellen und natürlich sofort kaufen konnte. Von allen Produkten gab es üppige Verzehrproben. Da wir die Nahrungsaufnahme sträflich vernachlässigt hatten, begannen wir augenblicklich dieses Defizit auszugleichen.

Satt und gestärkt führte uns die Reise in die Stadt Nago. Diese Stadt fand ich wenig sehenswert. Nach einem kurzen Halt ging es weiter zum "Historischen Dorf". Wie in Europa hat man auch hier den romantischen Reiz vergangener Zeiten entdeckt. Daher wurde ein Dorf mittelaltergetreu nachgebaut, in dem einem live die Alltagsarbeit und Zeromonien vorgeführt wurden. Es gab es dann eine zeitgenössische Vorführung, die alle Besucher magisch anzog. Alle, bis auf mich, denn nun bot sich mir die Gelegenheit, alles in Ruhe zu betrachten und mit freier Objektivsicht zu fotografieren. Zur Abrundung unseres Programms fuhren wir noch zu zwei schönen Küstenabschnitten und dann zurück nach Nagahama.

An diesem Abend hatten wir unser letztes Training. An den Inhalt dieser Stunde habe ich keine große Erinnerung mehr, die Luft war jetzt raus. Zum Abschluss des Trainings bekamen wir von Seizan-Sensei unsere Prüfungsurkunden überreicht. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, so ein Dokument mit nach Hause nehmen zu können. Wieder ein super Gefühl, was zur Unvergesslichkeit dieser Reise beigetragen hat.

Ich war zu platt, um mit den anderen in unsere angestammte Bar zu marschieren. Nun war es mir wichtiger, zu schlafen und Kraft für zwei intensive Tage in Kyõto zu sammeln. Ohne große Umschweife schlug ich mein Bett auf und entschlummerte ins Land der Träume.

 

16. Januar, Mittwoch - Tag 13

Die Zeit auf Okinawa ging unausweichlich ihrem Ende zu. Dieser Morgen war ein wirres Gemisch der Gefühle. Ich vermisste meine Familie, aber man hatte sich gerade unmerklich an die entspannte Lebensweise gewöhnt, und ich merkte auch die positiven körperlichen Veränderungen durch das ständige Training. Die lockere Lebensart auf Okinawa entspannte mich komplett und ich hatte richtig Horror vor dem Lärm und der Hektik des Alltags in Deutschland. Hier auf Okinawa ist es toll, Mensch zu sein, und Freundlichkeit ist der pure Spaß. Auch wenn es denn Asiaten anerzogen ist, empfinde ich ihre Art des Umgangs als aufrichtig, rein und ohne Hintergedanken. Ich glaube, die Anderen empfanden auch so.

Nach unserem Frühstück und den letzten verträumten Blicken auf den bewölkten Pazifik packten wir unsere sieben Sachen und säuberten das Dojo und den Tatamiraum.

Das beklemmende Bauchgefühl ließ mich noch mal alles haargenau betrachten. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, dass die Zeit so intensiver Stunden und Tage fühlbar schneller verstreichen lässt und dass man insgeheim das Ende dieses Zeitraums nicht wahrhaben möchte. Man fühlt bereits die Vorwehen des Abschieds, die einen innerlich zerreißen. Unsere ausgelassene Stimmung hielt die sich aufbäumende Melancholie aber gut in Schach. Zu unserer Überraschung erschien Seizan nochmal kurz und wir verabschiedeten uns herzlich.

Der Flug nach Osaka verlief Reibungslos und wir kamen in den frühen Abendstunden an. Von hier fuhren wir mit einem Shuttlebus direkt nach Kyõto. Der Bus war bis auf wenige Plätze leer, und wie alles in Japan top gepflegt und sauber. Auf unserer ca. 45-minütigen Fahrt hatten wir wieder das Pech, wegen der frühen Dunkelheit nichts zu sehen. Der Bus spuckte uns am Busbahnhof nahe das Hauptbahnhofs aus. Die Temperatur erinnerte an unsere europäische Heimat, endgültig war es mit der subtropischen Winterwärme vorbei.

Kyõto liegt etwa 400 km südwestlich von Tokyo im mittleren Westen der japanischen Hauptinsel Honshu, etwa 10 km südwestlich des Biwasees und ca. 40 km von Osaka entfernt. Durch die Lage in einem nur nach Süden offenen Talkessel staut sich die schwüle Luft im Sommer; der Nordteil der Stadt wird im Winter erheblich kälter als die benachbarten Städte Osaka und Kobe. (Quelle: Wikipedia).

Eine der wenigen Großstädte, in der ich mich spontan wohl und zu meinem Erstaunen sicher fühlte. Es musste an der Sauberkeit liegen, und es lungerten auch keine zwielichtigen oder verlorenen Typen am Bahnhof und Umgebung rum. Nach einigen Wirrungen hatten wir das gebuchte Hostel gefunden. Was auf dem Plan so simpel wirkte, stellte sich im Dunkeln und ohne lesbare Straßenschilder als beschwerlich heraus.

Wir hatten unser Zimmer im 3. Obergeschoss. Es war schon ein kleines Appartement mit kleinem Bad, WC, einer Küchenzeile mit Kühlschrank, TV und WLan. Für das WC standen extra Filzpantoffeln bereit. Da man sich in der Kackzelle gerade um die eigene Achse drehen konnte, waren sie eigentlich sinnlos. Das Bad war ein Plastikkubus mit einer Duschwanne, die wirklich die Bezeichnung Wanne verdiente. Der Schlafraum hatte vier bequeme und saubere Betten, die unser Herz höher schlagen ließen. Sie waren so bequem, wie sie aussahen.

Wir verstauten das notwendige Gepäck für die nächsten Tage und machten uns auf, in die Stadt. Uns stand jetzt der Sinn nach Essen und Feiern - genau in dieser Reihenfolge. Nach kurzer Zeit fanden wir eine Pizzeria, deren köstliche Gerüche uns zum Essen verführten. Unser bestelltes Bier war keine besondere Überraschung, die bestellte Pizza um so mehr. Ihr Durchmesser entsprach dem eines kleinen Kuchentellers - kleine Japaner, kleine Pizza. Sie schmeckte vorzüglich, satt waren wir nicht. Also machten wir uns auf, den Hunger zu ertränken.

Wir fanden in diesem Viertel Kyotos weder eine Bar noch eine Kneipe. Es war zum Verrücktwerden: Wir waren in einer der größten Städte Japans, die in ihrer Vergangenheit für ihre Amüsierviertel bekannt war, und lagen auf dem Trockenen. Irgendwann laberten wir ein Trio an und erbaten Hilfe zur Erlösung von unserer Seelennot. Die drei netten jungen Leute boten sich als Guide zur nächsten Bar an. Nach einem kurzen Fußmarsch saßen wir selig in einem schmalen Bistro. Dort gab es ein Flatrat-Angebot, also das ideale Trainingsprogramm für eine unterforderte Lebergruppe. Zu einem Fixpreis für eine Stunde, was und soviel man will. Nach dieser Stunde gab es das Angebot für Nicht-Japaner bestimmt nicht mehr. Der Whisky war sehr lecker, unsere Stimmung auf dem Höhepunkt und das entgleisende Lächeln eines japanischen Barkeepers unbezahlbar.

In tiefer Überzeugung, die Zeit gut genutzt zu haben, gingen wir zurück zum Hostel. Am nächsten Tag wollten wir Kyõto entdecken.

 

17. Januar, Donnerstag - Tag 14

Es war eine bekannte und doch so neue Erfahrung, in einem gefederten Bett aufzuwachen. Doch traute ich meinen Augen nicht, als vor unserem vergitterten Fenster verspielt Schneeflocken durch den Morgen wirbelten. Nach dem ersten Schock folgte die Einsicht: Besser als Regen.

Wir liehen uns für einen kleinen Betrag Fahrräder, im Hostel. Dag machte sich allein auf den Weg. Andreas, Dominik und ich versuchten erst einmal, einen guten Kaffee mit passendem Frühstück zu finden. In einer Shoppingmale, wie wir sie schon auf Okinawa kennengelernt hatten, wurden wir fündig. Danach fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein zu unserem ersten Tagesziel: Nijo-jo.

"Nijo-jo ist eine japanische Burganlage und ehemaliger Sitz des Shoguns in Kyõto, der ehemaligen Hauptstadt Japans. Die Burg erhielt den Namen wegen der Straße Nijo, an der sie gelegen ist. Die Burg gehört seit 1994 zusammen mit anderen Stätten zum UNESCO-Weltkulturerbe Historisches Kyõto (Kyõto, Uji und Otsu). Die Anlage wurde 1601 vom Shogun Tokugawa Ieyasu angelegt. " (Quelle: Wikipedia). Aber atemberaubender war die großflächige Park- und Gartenanlage rund um das Gebäude. Alles was ich mir mir unter einem japanischen Garten vorgestellt hatte, konnte ich hier sehen. Diese fühlbare Harmonie in der Kombination der Elemente aus Steinen, Pflanzen, Wasserflächen und bemoosten Freiflächen war übermenschlich schön. In dieser schönen, friedfertigen und ruhigen Umgebung war es schon ein Muss, an der angebotenen Teezeremonie teilzunehmen. Der schaumig geschlagene Matschatee und die servierte Süßspeise waren ein Gedicht.

Während dieses erneuten Sinnesmenus wechselten sich Sonne und Schnee ab. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass uns das Wetter mit seinem Wechselspiel ebenfalls ein harmonisches Zusammenspiel der Kontraste zeigen wollte. Unser Entdeckungshunger war bei Weitem noch nicht gestillt und wir machten uns auf den Weg zum nächsten gewählten Ziel: dem Silbernen Pavillon. Dazu mussten wir quer durch die Stadt radeln. Viele Dinge und Geschäfte lenkten uns immer wieder vom Weg ab. Richtig cool war ein Schwertladen, mit original Samurairüstungen und Schwertklingen, die wie Kronjuwelen hinter Panzerglas ausgestellt wurden. Wenn man den Altersangaben glauben durfte, hatten die Klingen wahrscheinlich so manchen Lebensfaden sauber durchtrennt.

Der Silberne Pavillon lag am Stadtrand Kyõtos, an einem Berghang und war wieder in eine tiefharmonische Gartenanlage eingebettet. Die zunehmende Kälte und der Hunger trieben uns zuerst in einen kleinen Imbiss zu Curryhuhn mit Reis und Salat. Im Anschluss gingen wir die wenigen Meter zum "Jisho-ji, besser bekannt unter dem Namen Ginkaku-ji, der Silberne Pavillon ist ein buddhistischer Tempel der Rinzai-sho im Nordosten der Stadt Kyõto. Er wurde 1482 von Shogun Ashikaga Yoshimasa als Ruhesitz erbaut. Zwei Gebäude der ursprünglichen Anlage, der Kannon-den und der Togu-do, sind aus dem 15. Jh. erhalten. Der Garten stammt aus der Edo-Zeit. Der Kannon-den ("Halle der Kannon") ist das Symbol des Ginkaku-ji und wird meist Ginkaku, Silberner Pavillon, genannt. Das Erdgeschoss ist im Shinden-Stil gebaut und wird Shinkuden ("Halle der Leere") genannt. Das Obergeschoss ist im Stil eines chinesischen Chan-Tempels gehalten und wird Choonden ("Halle der tosenden Wellen") genannt. Das Dach ist im Hyogo-Stil gehalten (Quelle: Wikipedia)." Die Gartenanlage war auch wieder der Hammer und rief bei mir sofort wieder ein tiefes Gefühl des Friedens und der Ruhe hervor. Fast schon ehrfürchtig ging ich durch den menschenleeren Garten, um ja nicht diese Ruhe zu stören. Es war schon irre, die Gartenanlage mit einem groben Blick zu erfassen; aber richtig berauschend war es erst, wenn man sich auf die Details konzentrierte und diese dann im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung betrachtete.

Vorbei an feinen Wasserläufen, Moosbeeten und kunstvoll gezüchteten Sträuchern und Bäumen trieb uns die herannahende Dämmerung und Kälte zurück zu unseren Fahrrädern.

Das beste Mittel, um Kälte zu vertreiben, ist bekanntlich Bewegung und so heizten wir durch Kyõto. Obwohl wir uns mitten durch diese Großstadt bewegten, war es mit den Rädern kein Problem. Wir kamen nie in eine heikle Situation, es war purer Fun. Nur die gewünschte Wärme entwickelte sich trotz der Strampelei nicht, da wir oft anhielten und uns neu orientieren mussten. Als uns durch die Kälte und den Fahrtwind die Ohren einfrieren wollten, kauften wir uns in einem 100-Yen-Shop todschicke Syntheticwollmützen. Aufgesetzt verliehen sie uns den Charme von Müllmännern.

Im Hostel trafen wir Dag und fuhren ohne ihn wieder zurück ins Zentrum, um uns ein nettes Lokal für das Abendessen zu suchen. Wir kehrten bei Musashi-Sushi ein. Eine Sushikeiten-Bar. Am Sitzplatz gab es im Überfluss Wasabi, Ingwer und Tee. Das einzige ernsthafte Problem war, die eigene Gier und Hetze im Zaum zu halten. Das Band schien sich nie zu leeren, und man konnte nie wissen, welche Köstlichkeit noch kommen konnte. Das zweite ernsthafte Problem war das leider so beschränkte Fassungsvermögen des Magens: Mehr, als mit aller Gewalt reinging, hatte ich leider nicht geschafft.

Zur würdevollen Verdauung ging es in Richtung des historischen Vergnügungsviertels. Das Bild, was sich uns dort bot, war krotesk und belustigend. Und das in vielerlei Hinsicht. Das historische und moderne Vergnügungsviertel wurde durch eine vierspurige Straße getrennt. Diese war über mehrere hundert Meter mit Taxis verstopft, gespickt von durch Chauffeure gesteuerten Limousinen. Wir parkten unsere eher einfachen Räder auf dem weniger überlaufenen Gehsteig und bahnten uns den Weg durch die Taxis in den historischen Teil. Eine scheinbar wahllose Anordnung von Holzhütten in einem Schachbrettstraßensystem. Der Zugang zu den Geisha-Häusern bleibt Normalsterblichen verwehrt. Es war sehr unterhaltsam, die asiatischen, armanigekleideten Schlipsträger aus den Etablissements rauskommen zu sehen: mal gingen sie noch aufrecht, mal brauchten sie fremde Hilfe. Kultig waren besonders die Kneipen, die nur aus Tresen und maximal drei Sitzplätzen bestanden. Leider fanden wir keine freie Einrichtung dieser Art. Zu guter Letzt strandeten wir in einem gemütlichen Imbiss mit einer netten Bedienung. Nach einigen heißen Sake fuhren wir, zu vorgerückter Stunde, zurück ins Hostel.

 

 

18. Januar, Donnerstag - Tag 15

Sonnenschein und ein blauer, wolkenfreier Himmel sorgten für einen gut gelaunten Start an unserem letzten Tag in Japan. Erstes Etappenziel war das Altstadtviertel der gestrigen Nacht. Am frühen Vormittag hatten wir jetzt freie Sicht auf die legendären Holzgebäude, keine Myriaden von Taxis und Businessschlitten. Zum Schluss unseres Besichtigungsbummels wurden wir mit dem Anblick leibhaftiger Geishas belohnt, die sich in ihrem Erscheinen vollkommen in die geheimnisumwitterten Gassen einfügten.

Nun hatte uns Kyõto alles geschenkt, was man als vorurteilsgeprägter Europäer in Japan sehen möchte. Wir radelten durch die Januarsonne zum Höhepunkt dieses Tages:

"Kiyomizu-dera bezeichnet mehrere buddhistische Tempel, aber meistens ist damit der Otowasan Kiyomizudera in Ost-Kyõto (Stadtbezirk Higashiyama) gemeint, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Der Tempel wurde 1994 zusammen mit anderen Stätten zum UNESCO-Weltkulturerbe Historisches Kyõto (Kyõto, Uji und Otsu) ernannt. Die Geschichte des Tempels reicht bis ins Jahr 798 zurück, die heutigen Gebäude wurden allerdings im Jahr 1633 errichtet. Der Tempel erhielt seinen Namen vom Wasserfall innerhalb des Tempelkomplexes, der von den nahen Hügeln herunterkommt - kiyoi mizu bedeutet wörtlich reines Wasser." (Quelle: Wikioedia)

Herrlich war die klare Aussicht. Wie in den Beschreibungen nachzulesen, konnten wir die Bergflanken rund um Kyõto sehen. Das historische Gebäude und seine tolle Anlage zogen uns voll in seinen Bann. Der Mittag ging zügig in den Nachmittag über. Wir radelten Richtung Zentrum und stoppten an einem kleinen Restaurant für einen Imbiss. Wiedermal Curryhähnchen und Tee, danach fuhren wir zu unserem letzten Besichtigungspunkt, dem Heian-Schrein "Der Heian-jingû ist ein Shintõ-Schrein im Stadtbezirk Sakyõ. Er gehört zu den Chokusaisha.Er wurde zu Ehren des Kammu-tennõ im Jahr 1895 errichtet, 1.100 Jahre nach Gründung von Heian-kyõ (heutiges Kyõto) durch Kammu. 1940 (im 2.600. Jahr der kaiserlichen Abstammungslinie) wurde zusätzlich der Kõmei-tennõ, der letzte Tennõ mit Regierungssitz in Heian-kyõ, im Heian-jingû eingeschreint. (Quelle Wikipedia).

Das Ende unseres intensiven und erschöpfenden Sigthseeings beschlossen wir mit gutem Sushi bei Musashi-Sushi, dessen super Qualität wir vom Vorabend kannten. Es war wieder herrlich und wir stopften mehr in uns rein als unter gesunden Umständen ratsam gewesen wäre. Zur Verdauung schlenderten wir durch die angrenzenden Mals und bestaunten das farbenfrohe Angebot. Bis wir letztlich vor einer Eisdiele nach italienischen Vorbild standen, die in ihrem Eingangsbereich von sämtlichen Eisbechern ein naturgetreues Modell stehen hatte. Das Eis war italienisch gut. Trotz aller Sinnesfreuden lief unsere Zeit in Japan ab und wir kehrten zum Hostel zurück, um unsere Rucksäcke das letzte Mal zu packen.

Zum Abschluss hatten Andreas, Dominik und ich noch mal den Wunsch nach japanischem Bier und Nightlife. Wir konnten aber nicht mehr zügig in die City radeln, da wir unsere treuen Drahtesel im Stall abliefern mussten. Wie an unserem ersten Abend in Kyõto startete eine Odyssee rund um den Block. Die einzige einladende Kneipe war überfüllt. Als servicefrustrierte Europäer waren wir über die spontane Hilfe der Inhaberin erfreut. Sie telefonierte mit ihrer Schwester, die in ihrer Kneipe noch Plätze frei hätte und für uns reservieren würde. Die Inhaberin erklärte uns den Weg. Als wir ankamen, wurden wir bereits erwartet - es war die Pizzeria von vorletzter Nacht. So schloss sich der Kreis. Wir tranken von dem guten Bier, redeten über unser Training auf Okinawa und die beindruckenden Tage. Nur die Vernunft trieb uns zurück ins Hostel und die Betten.

 

19. Januar 2008 - Unser Abreisetag

Ich weiß nicht mehr, wann wir aufgestanden waren. Es war nur zu früh und eine ungewisse Aussicht auf Frühstück erschwerte den Start in den Tag. Es ging wieder zum Busbahnhof, wo zwei Herren ihren Arbeitstag vorbereiteten. Einer baute seinen Verkaufstisch auf und sein Kollege fegte den bereits sauberen Gehsteig. Gott sei Dank gab es ein Art Kiosk, der bereits geöffnet hatte. So gab es Snacks und Kaffeegetränke aus der Dose zum Frühstück. Die ersten Sonnenstrahlen begrüßten uns und kündeten von einem klaren sonnigen Tag. Der Bus fuhr pünktlich ab und in Osaka am Flughafen verlief auch alles reibungslos. Wir hoben pünktlich an einem sonnigen Wintermorgen ab. Aus dem Flieger hatte man eine grandiose Sicht auf Osaka und Umgebung, ideal für schöne Fotos. Die Maschine war angenehm leer und wir konnten uns ausbreiten. Eine hübsche Stewardess, die mich scheinbar beim Fotografieren beobachtete, winkte mich während des Flugs in den hinteren Teil der Maschine. Von dort bot sich mir ein traumhafter Blick auf den Fujijama. Konnte man sich mehr wünschen? Ich fotografierte, was der Auslöser hergab und bedankte mich mehrfach bei der Stewardess, die sichtlich begeistert war, dass ich das auf japanisch konnte. Wir landeten pünktlich in Tokio und auch hier lief alles reibungslos. In den zwei Stunden Aufenthalt hingen wir von Melancholie ergriffen unseren Gedanken nach. Ich nutzte die Zeit, um den guten Hibiki, für meine Whiskysammlung zu kaufen. Unsere Boeing 747 hob reibungslos und pünktlich ab. Die Maschine war ebenfalls nicht ausgebucht und wir hatten wieder die Freiheit, uns auszubreiten. Das gute Wetter bescherte uns klare und tolle Ausblicke auf China, die Mongolei und Sibirien. Die zehn Stunden Flugzeit versüßte ich mir mit Filmen und Bier. Die Landung in Frankfurt verlief auch problemlos. Etwas Spannung baute sich nur bei der Frage auf, ob das Gepäck auch angekommen war und in welchem Zustand. Mein Holzschwert, die Hauptsorge, hatte bis auf einige kleine Macken die Reise schadfrei überstanden.

Drei Dinge waren für mich direkt wieder gewöhnungsbedürftig: die unfreundliche Art der Leute, die großen und meist übergewichtigen Menschen und dass ich wieder auf mein Gepäck aufpassen musste.

In Frankfurt verabschiedeten wir uns von Dominik, der einen anderen Zug nach D-Dorf nahm - jetzt war es da: das Ende der Japan 2008-Tour.

Unsere Zugverbindung war überraschend pünktlich - eine 12 Stunden Reise ohne Verspätung und Probleme - ein wirklich relaxter Ausgang.

In Koblenz erwartete mich meine Familie. Marc und Petra im Arm zu halten, war das fehlende Teil zu meinem tiefempfundenen Glück.

 

Diesen Reisebericht beendete ich nun nach über zwei Jahren. Heute aber ist mir klar, wie viel mir das Training und die Zeit auf Okinawa gebracht haben und wie sich alles positiv auf mein gesamtes Karate Do noch heute auswirkt - physisch und psychisch. Viele Momente und Erfahrungen sind ein wertvoller Quell an Kraft in anstrengenden Situationen.

Nun ist uns und mir schmerzlich bewusst, wieso unser letzter Abend bei Toyama etwas so Besonderes war - er verstarb zu all unserem tiefen Bedauern im Frühjahr 2009, an einer Krankheit. Wir hatten ein kräftezehrendes Training und viele Korrekturen erwartet und saßen nach kurzer Trainingszeit an einem üppig gedeckten Tisch. Wir waren eingeladen, mit Toyma-Sensei im Kreis seiner Familie und Schüler zu speisen. So zeigte uns Toyama-Sensei seine Wertschätzung und seinen Respekt - und wir trainingsgeile Trampel hatten es zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt und waren damals von diesem Abend etwas enttäuscht. Aber besser eine späte Einsicht als keine, mir sind diese Momente unvergessliche und haben in meinem Erinnerungen und für mein Leben einen ganz besonderen Platz.

 

Noch mal meinen Dank an all diejenigen, die mir all dies ermöglichten, besonders meiner Familie.

 

Jörg Renfordt

 

 

 

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